Operative Verfahren: Überblick über alle Eingriffe bei Kraniosynostose – FOA, PFD, Le-Fort-III, Monobloc & Spring-Osteotomie.
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Kraniofaziale Fehlbildungen

Pfeiffer-Syndrom

Syndromale Kraniosynostose mit Mittelgesichtshypoplasie sowie auffällig breiten Daumen und Grosszehen.

Kurzantwort

Das Pfeiffer-Syndrom ist eine seltene angeborene kraniofaziale Fehlbildung. Typisch sind eine vorzeitige Verknöcherung von Schädelnähten, eine Unterentwicklung des Mittelgesichts sowie charakteristisch breite, oft nach innen geneigte Daumen und Grosszehen. Man unterscheidet drei Schweregrade (Typ 1–3). Typ 1 verläuft meist mild mit guter Prognose; Typ 2 und 3 sind schwerer und erfordern eine frühe, lebenslange Betreuung in einem spezialisierten interdisziplinären Zentrum.

Ursache und Vererbung

Das Pfeiffer-Syndrom entsteht durch eine Veränderung in den Genen FGFR1 oder FGFR2 (Fibroblasten-Wachstumsfaktor-Rezeptoren). Die meisten Fälle – auch der milde Typ 1 – beruhen auf FGFR2-Mutationen. Die FGFR1-Mutation p.Pro252Arg ist seltener und meist mit einem milden Typ 1 assoziiert; schwere Formen (Typ 2/3) gehen überwiegend auf bestimmte FGFR2-Mutationen zurück.[1] Diese Gene steuern Wachstum und Reifung von Knochen und Gewebe.

Die Vererbung ist autosomal-dominant. In vielen Fällen entsteht die Veränderung de novo, also neu, ohne dass ein Elternteil betroffen ist. Bekommt eine betroffene Person Kinder, besteht bei jeder Schwangerschaft ein Risiko von 50 % für die Weitergabe. Das Pfeiffer-Syndrom tritt schätzungsweise bei etwa 1 von 100.000 Geburten auf. Die Ausprägung innerhalb einer Familie kann sehr unterschiedlich sein.[2]

Genetische Beratung hilft, Diagnose, Typ, Wiederholungsrisiko und pränatale Diagnostik zu besprechen.

Die drei Typen im Überblick

  • Typ 1 (klassisch): mildere Form, meist normale Intelligenz und gute Entwicklung. Kraniosynostose, mässige Mittelgesichtshypoplasie, breite Daumen und Grosszehen.
  • Typ 2: schwere Form mit Kleeblattschädel (kleeblattartige Schädelverformung durch Verschluss mehrerer Nähte), ausgeprägtem Exophthalmus und erhöhtem Risiko für neurologische Probleme.
  • Typ 3: ähnlich schwer wie Typ 2, jedoch ohne Kleeblattschädel. Häufig sehr flache Augenhöhlen und Atemwegsprobleme.

Typische Merkmale

  • Vorzeitiger Verschluss von Schädelnähten (oft Koronarnähte, bei Typ 2/3 mehrere Nähte)
  • Hoher oder turmartiger Schädel, breite Stirn
  • Flache Augenhöhlen mit hervortretenden Augen (Exophthalmus)
  • Unterentwicklung des Mittelgesichts
  • Breite, kurze Daumen und Grosszehen, oft nach innen geneigt
  • Teilweise Verwachsungen von Fingern und Zehen (Syndaktylie), meist milder als beim Apert-Syndrom
  • Enge obere Atemwege, Schnarchen oder Schlafapnoe
  • Wiederkehrende Mittelohrprobleme oder Hörminderung
  • Bei schweren Formen: Hydrozephalus, Chiari-Fehlbildung, erhöhter Hirndruck

Nicht jedes Kind hat alle Merkmale. Entscheidend ist die individuelle Beurteilung.

Warum eine frühe Abklärung wichtig ist

Besonders bei Typ 2 und 3 können früh medizinisch bedeutsame Probleme auftreten: erhöhter Hirndruck, Atemwegsverengung, Schlafapnoe, Hornhautgefährdung durch unvollständigen Lidschluss und Hörminderung. Eine frühe Vorstellung in einem kraniofazialen Zentrum ist deshalb wichtig — dort werden Schädel, Gehirn, Augen, Atemwege, Ohren, Kiefer und Hände gemeinsam beurteilt.

Kraniofaziale Eingriffe

Ziel der kraniofazialen Chirurgie ist vor allem der Schutz von Gehirn, Augen und Atmung, nicht nur die Verbesserung der Kopfform.

1. Schädelchirurgie im Säuglingsalter

Bei eingeschränktem Schädelwachstum schaffen frühe Eingriffe mehr Raum für das Gehirn und senken den Hirndruck. Je nach Befund kommen hintere Schädelgewölbe-Erweiterung, Distraktionsosteogenese des hinteren Schädels oder fronto-orbitale Vorverlagerung infrage. Bei schweren Formen mit Kleeblattschädel ist oft ein früher Eingriff nötig.

2. Mittelgesichts-Vorverlagerung

Bei deutlicher Mittelgesichtshypoplasie mit Atem-, Augen- oder Bissproblemen können eine Le-Fort-III-Osteotomie oder ein Monobloc-Advancement – meist mit langsamer Distraktion – notwendig werden. Der Zeitpunkt richtet sich nach der funktionellen Dringlichkeit.

3. Hände und Füsse

Die Daumen- und Zehenfehlstellungen sind oft milder als beim Apert-Syndrom. Eine handchirurgische Korrektur kann die Greiffunktion verbessern; nicht jedes Kind benötigt eine Operation.

Atemwege und Schlafapnoe

Mittelgesichtshypoplasie, enge Nasenwege und vergrösserte Mandeln können zu obstruktiver Schlafapnoe führen. Bei Verdacht sollte eine Schlafuntersuchung (Polysomnographie) erfolgen.

Warnzeichen: lautes Schnarchen, Atempausen im Schlaf, unruhiger Schlaf, Tagesmüdigkeit, Gedeihstörung. Die Behandlung reicht von CPAP über Adenotomie bis zur Mittelgesichts-Vorverlagerung.

Augen, Hören und Entwicklung

Durch flache Augenhöhlen können die Augen hervortreten – mit Risiko für Hornhauttrocknung und -verletzung. Regelmässige augenärztliche Kontrollen sind notwendig. Mittelohrergüsse und Hörminderung sind häufig, deshalb sind regelmässige Hörtests und ggf. Logopädie wichtig. Bei Typ 1 ist die Entwicklung meist normal; bei Typ 2/3 hängt sie stark von Hirndruck und neurologischen Begleitbefunden ab.

Diagnostik

Zur Abklärung gehören je nach Situation: klinische Untersuchung durch ein kraniofaziales Team, genetische Diagnostik (FGFR1/FGFR2), 3D-Bildgebung des Schädels, augenärztliche Untersuchung, Schlafdiagnostik bei Atemwegsverdacht, HNO-Untersuchung mit Hörtest sowie Hand- und Fussbeurteilung.

Behandlung im interdisziplinären Zentrum

Optimal ist die Betreuung durch ein spezialisiertes Team mit Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie / kraniofazialer Chirurgie, Neurochirurgie, Pädiatrie, Anästhesie und Intensivmedizin, Ophthalmologie, HNO und Schlafmedizin, Kieferorthopädie, Handchirurgie, Logopädie, Physio- und Ergotherapie, Genetik sowie Psychologie.

Möglicher Behandlungsfahrplan

Neugeborenenzeit
Sicherung von Atmung, Ernährung, Augenschutz, Hören und genetischer Diagnose. Bei schweren Formen frühe neurochirurgische Beurteilung.
Säuglingsalter
Beurteilung und ggf. Schädelgewölbe-Erweiterung. Kontrolle von Hirndruck und Atemweg.
Kleinkindalter
Verlaufskontrollen von Augen, Atmung, Hören und Entwicklung. Ggf. fronto-orbitale Korrektur.
Kindesalter
Mittelgesichts-Vorverlagerung bei funktioneller Notwendigkeit, kieferorthopädische Frühmassnahmen.
Jugend­alter
Definitive kieferorthopädisch-kieferchirurgische Planung, psychosoziale Begleitung, Übergang in die Erwachsenenmedizin.

Wann sofort ärztliche Hilfe nötig ist

  • Atempausen, bläuliche Verfärbung oder schwere Atemnot
  • Zunehmende Schläfrigkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen oder auffällige Reizbarkeit (Hinweis auf Hirndruck)
  • Rasche Verschlechterung der Augen oder unvollständiger Lidschluss
  • Fieber oder Wundprobleme nach Operationen

Prognose

Kinder mit Typ 1 entwickeln sich mit spezialisierter Behandlung meist gut und haben eine günstige Prognose. Bei Typ 2 und 3 hängt der Verlauf stark von Atemwegssituation, Hirndruck und neurologischen Befunden ab; eine frühe, koordinierte Behandlung verbessert die Aussichten deutlich.

Kernaussage: Das Pfeiffer-Syndrom umfasst ein breites Spektrum vom milden Typ 1 bis zu schweren Formen. Eine frühe Vorstellung in einem spezialisierten kraniofazialen Zentrum ist entscheidend. Kraniofaziale Eingriffe dienen dem Schutz von Gehirn, Augen und Atmung.

Was ist gesichert, was ist im Fluss?

Was international weitgehend anerkannt ist: Die Ursache in FGFR1- oder FGFR2-Mutationen ist gesichert, ebenso die Einteilung in drei Schweregrade. Typ 1 verläuft in der Regel milder, Typ 2 und 3 gehen mit einem erhöhten Risiko für erhöhten Hirndruck und Atemwegsprobleme einher.
Wo Behandlungskonzepte zwischen Zentren variieren: Bei Typ 2/3 wird die Reihenfolge der frühen Eingriffe (z. B. Schädelerweiterung vor oder nach Mittelgesichtskorrektur) je nach Zentrum unterschiedlich geplant. Auch die Protokolle für Handchirurgie variieren.
Was wissenschaftlich noch offen ist: Langzeitdaten zur neurologischen Entwicklung bei Typ 2/3 sind begrenzt. Ein direkter Vergleich unterschiedlicher früher Schädeleingriffe hinsichtlich Entwicklungsoutcome steht noch aus.

Quellen

  1. Bellus GA, Gaudenz K, Zackai EH, et al. (1996). Identical mutations in three different fibroblast growth factor receptor genes in autosomal dominant craniosynostosis syndromes. Nat Genet, 14(2):174–6. DOI
  2. Bessenyei B, Tihanyi M, Hartwig M, et al. (2014). Variable expressivity of Pfeiffer syndrome in a family with FGFR1 p.Pro252Arg mutation. Am J Med Genet A, 164A(12):3176–9. DOI
  3. Renier D, Lajeunie E, Arnaud E, Marchac D (2000). Management of craniosynostoses. Childs Nerv Syst, 16(10–11):645–58. DOI

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Typische Behandlungssequenz

Atemweg steht früh im Vordergrund; meist mehrere Eingriffe über Jahre.

OperationKontrolleTherapieAbklärung
Neugeborenes
Abklärung

Erstabklärung & Atemweg

Atemwege haben Priorität (bei schweren Formen ggf. CPAP oder Tracheotomie); Augenschutz, Ernährung, Genetik.

Säuglingszeit
Operation

Schädelerweiterung

Frühe posteriore Schädelerweiterung oder frontoorbitales Advancement zur Hirndrucksenkung.

Kleinkind-/Kindesalter
Kontrolle

Überwachung

Hirndruck, Hydrozephalus, Chiari-Malformation, Schlafapnoe, Hören.

Kindesalter
Operation

Mittelgesichtsdistraktion

Le-Fort-III- oder Monobloc-Distraktion, teils früher bei Atemwegs- oder Augenproblemen.

Ab Wachstumsabschluss
Operation

Umstellung & Feinkorrekturen

Definitiver Biss, Nasenkorrektur.

Lebenslang
Kontrolle

Nachsorge

Augen, Hören, Atmung, Entwicklung.

Typischer Ablauf – individuell sehr unterschiedlich. Zeitpunkte, Reihenfolge und Art der Eingriffe werden immer individuell im spezialisierten Zentrum festgelegt und können deutlich abweichen. Grundlage sind etablierte kraniofaziale Behandlungskonzepte (u. a. ERN CRANIO). Siehe auch Behandlungspfade und Kraniofaziale Bibliothek.

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Weiterführende Informationen

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